Hanns Christian Müller     … wie es wirklich war  -  eine Art Biografie…

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ausprobieren…

Gottseidank waren meine Eltern am Wochenende fast immer am schönen Ammersee, so hatten wir - was zu damals prüden Zeiten eher selten war - immer drei Tage die Woche sturmfreie Bude. Bei zahlreichen Festen ohne Aufsichtspersonal habe ich auch allerhand praktische Dinge fürs Leben gelernt (z.B. wie man es vermeidet, drei Liter Lambrusco an einem Abend in sich hineinzuschütten, oder Nächstenliebe im Umgang mit dem anderen Geschlecht ...)  Der Papst hieß damals Hannes oder Pauli oder Johannes Paul oder so ähnlich, und die Hosen waren oben eng und unten weit. Das sah bescheuert aus, aber wir alle trugen´s mit Fassung. Der Minirock wurde erfunden. Das sah bei den meisten Mädels noch bescheuerter aus, aber man sah wenigstens was, wenn man neugierig war und gegenüber saß.  - Und eines Tages war er fällig, nicht mehr zu verhindern: mein Abituranzug, graugrün mit Weste. Ich hab ihn 2x getragen: Bei der Anprobe und bei der Abiturfeier. - Aber meine Mutter hat die gute Abiturhose noch jahrelang zum Garteln angezogen ...

Jimi Hendrix spielte diverse Gitarrensoli, Kanzler Kiesinger schimpfte über diverse Chinesen, (die alle kein braunes Parteibuch hatten, wie er) und wir probierten wahllos diverse Drogen aus (einige aus meiner Generation haben diese Testphase nicht überlebt, ich gottseidank schon)

Ich studierte ziemlich exakt genau so lange, wie Willi Brandt Kanzler war. (Ich habe mich aber mit Willi nicht abgesprochen, Ehrenwort !)  Gar manche Weißwurst durchwanderte meinen Studentenmagen und auch sonst war allerhand geboten. Ich nahm mir wieder einen Klavierlehrer, der mir diesmal doch einiges beibrachte, und erlebte so viel, dass ich gar nicht mehr dran denken mag, und erst recht nicht drüber schreiben, vor lauter Nostalgie erlebe ich sonst nichts Neues mehr, Memoiren gibt's sowieso schon genug und dieser Text ist sowieso schon zu lang und mein Gehirn ist schon zu alt. Wieder mal Papstwechsel - Gott weiß alles, Kanzler Helmut Schmidt weiß alles besser, und ich bin am musizieren, inszenieren, Bücher schreiben, komponieren, Filme drehen, Platten und CDs aufnehmen, Kaffee kochen, Nase bohren, beischlafen, segeln, spazierengehen und was man sonst noch alles tut, wenn man nicht gerade sich die Zähne putzt oder rasiert ... die Hosen waren jetzt oben weit und unten eng, das sah irgendwie merkwürdig aus, aber wir trugen´s mit Fassung. Inzwischen war Kohlhasi als Kanzler angetreten, und mein Sohn Philip als Kindergartenkind. Philip machte seine Sache ganz gut und war über die Kindergartenphase längst hinaus, als Kohlhasi immer noch im Kanzlerbüro alles aussaß: Waldsterben, Tschernobyl, Zusammenbruch der DDR, BSE, - alles war am bröseln, nur Kohlhasi saß da, erzählte was von blühenden Landschaften, und dass die anonymen Spenden nicht für ihn persönlich gemeint waren. Und Robby Lembke fütterte zum letzten mal sein Sparschweindl…

Der nächste Kanzler hieß so, wie in den 70er-Jahren manche Katze hieß: Schröder. Die Hosen waren oben weit und unten weit, das sah bescheuert aus, aber wir trugen´s mit Fassung. Katastrophen, wohin das Auge sah, auch die Ossi- Landschaften wollten einfach nicht so richtig zum blühen beginnen, dafür vergreiste das Wessi-Wirtschaftswunder und gab schließlich seinen Geist auf. Der Geist schlüpfte in die Globalisierung, Europa wurde erweitert und das Internet revolutionierte die Pornographie. Endlich sind wir dann Papst geworden, Sepp Ratzinger sei dank, Klavierlehrer habe ich keinen mehr, dafür einen gesunden Appetit und drei Espressomaschinen. Die Hosen sind gerade oben eng und unten eng, und nabelfrei, das sieht merkwürdig aus, aber wir tragen´s mit Fassung, tja, und neulich habe ich mal wieder ein paar Weißwürste auf die Wanderschaft geschickt, auch wenn ich keinen Studentenmagen mehr habe, sie sind transformiert angekommen, allerdings nicht mehr ganz weiß, na ja, wer weiß schon alles … Papst sind wir jedenfalls auch nicht mehr…

Es wird nie hell,

aber auch nicht ganz dunkel.

Du darfst also hoffen…

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